Rauhnächte und Mittwinterfest – Brauchtum rund um Weihnachten und Silvester

Rauhnächte, Wintersonnenwende und Mittwinter

Viele Traditionen und Bräuche der Adventszeit, des Weihnachtsfestes und der Silvesternacht besitzen eine lange Geschichte. Ob Nikolaustag oder Perchtenlauf, Weihnachtsbaum oder Julklotz, Bleigießen oder Silvesterraketen – vieles von dem, was wir heute mit Weihnachten und der Zeit zwischen den Jahren verbinden, hat seine Wurzeln in altem Volksbrauchtum und ist in einigen Regionen immer noch sehr lebendig. Dienten diese Bräuche einst zur Winter- und Geistervertreibung, Reinigung des Hauses oder Erinnerung an die Wiederkehr des Lichtes, sind sie heute in etwas veränderter Form beliebte Aktivitäten in den letzten Wochen des Jahres.

 

Die germanischen und keltischen Ursprünge des frühwinterlichen Brauchtums

 

Die Rauhnächte und das sie zur Zeit der Wintersonnenwende einleitende Mittwinterfest bzw. das heutige Weihnachtsfest haben ihre Ursprünge wahrscheinlich in den Kulten und Bräuchen der indogermanischen Stämme und reichen somit bis in die Vor- und Frühgeschichte Europas zurück.

Festlich begangen wurde diese Zeit rund um die Wintersonnenwende wohl auch von den antiken Germanen und Kelten, Belege für entsprechende Traditionen gibt es aber erst in späterem mittelalterlichem und teilweise auch noch neuzeitlichem bis hin zu gegenwärtigem Volksbrauchtum im deutschsprachigen und skandinavischen Raum, in Irland und in Schottland. Obwohl die vorchristlichen Rauhnachtstraditionen später oft christlich überlagert wurden, haben sie sich doch in vielen Regionen noch in den Bräuchen zwischen der Weihnachtszeit und Neujahr erhalten.

 

Bedeutsame Nächte und Zeit der Wilden Jagd

 

Die Bezeichnung Rauhnächte geht auf das althochdeutsche Wort ruh bzw. das mittelhochdeutsche rûch („haarig“, „rauch“, „rau“) zurück oder leitet sich auch von „Ausräuchern des Hauses“ ab.

Die Rauhnächte sind die vor allem nach germanischem, aber auch keltischem Brauchtum für die Zukunft bedeutsamen (zwölf) Nächte zwischen dem 21. (24.) Dezember und dem 6. Jänner, die für die Monate des kommenden Jahres stehen. Besonders wichtig sind dabei die folgenden vier Nächte: die Thomasnacht/Wintersonnenwende (21./22. Dezember), die Christnacht (24./25. Dezember), die Silvesternacht (31. Dezember/1. Jänner) sowie die Epiphaniasnacht vor dem Dreikönigstag (5./6. Jänner).

Die frühwinterlichen Rauhnächte, in denen der Einfluss dunkler Mächte sehr stark sein soll, waren früher eng mit dem Ausräuchern des Hauses zur Reinigung und Geisteraustreibung, Bräuchen in Bezug auf das Nutzvieh und Zukunftsvorhersagen verknüpft. Zudem stehen in dieser Zeit angeblich die Tore zum Reich der Geister offen und die Seelen der Verstorbenen können auf die Erde gelangen. So ist dem Volksglauben nach in den Rauhnächten die von dem germanischen Sturm- und Kriegsgott Wodan/in nordischer Mythologie Odin angeführte „Wilde Jagd“/das „Wilde Heer“ (als Jagdgesellschaft übernatürlicher Wesen interpretierte Erscheinungen am Nachthimmel) der Geister der Verstorbenen unterwegs und man sollte es vermeiden, ihnen zu begegnen. Jedoch wurden auch Opferspeisen für Wodan (der den Menschen gute Gaben brachte) und seine Begleiter aufgestellt.

 


Lärm, Heischebräuche und Nikolaus

 

Während der Vorweihnachtszeit und der Rauhnächte sind in einigen Regionen Heischebräuche (das Erbitten von Gaben) verbreitet.

In den mit der Andreasnacht auf den 30. November (an dem man den Tag des Apostel Andreas, in Schottland der Nationalheilige begeht) beginnenden Anklopf-/Klöpfelnächten (den letzten drei Donnerstagen vor Weihnachten) ist es in Süddeutschland und Österreich üblich, mit Besen und Hämmern an Hauswände und Türen zu klopfen und Glocken zu läuten, um böse Mächte zu vertreiben. Zudem ist die Andreasnacht eine Losnacht vor allem in Bezug auf Liebe und Ehe, verschiedenste Liebesorakel sollen hier den zukünftigen Partner vorhersagen.

Das bekannteste Brauchtum der Adventszeit ist aber wohl das rund um den die Kinder beschenkenden Nikolaus (der als Heiliger verehrte Bischof von Myra aus dem 4.Jh.) und die ihn begleitende teufelartige, mit tierischen und mythischen Zügen versehene Schreckgestalt des Krampus bzw. Knecht Ruprecht. Am Abend des Krampustages am 5. Dezember ziehen die mit einem Anzug aus dunklem Fell, einer Holzmaske mit echten Hörnern, Glocken, einem Schweif oder Schwanz, einer Rute und einer Butte (auf dem Rücken befestigter Behälter) bekleideten Krampusse in Gruppen durch die Gegend. Am 6. Dezember kommen sie im Zuge des Einkehrbrauches im Gefolge des Nikolaus in die Häuser und bestrafen die unartigen Kinder, während der Nikolaus die braven beschenkt.

 

Weihnachtskranz

Das Mittwinterfest und Weihnachten

 

Zu Beginn der Rauhnächte (etwa vom 19. bis 22. Dezember) wurde die Wintersonnenwende, das Mittwinterfest begangen, das nach der Christianisierung an das heutige Weihnachtsfest (in dem sich christliche und nichtchristliche Elemente vermischen) angeglichen wurde.

Die Wintersonnenwende am 21. Dezember ist die längste Nacht des Jahres und man feierte die Wiederkehr des von nun an wieder zunehmenden Lichtes (bzw. die Wiedergeburt des Sonnengottes) und die länger werdenden Tage. Am Mittwinterfest wie auch an den darauf folgenden Tagen waren Gastfreundschaft, Festessen, gegenseitiges Beschenken (um Glück im neuen Jahr zu haben), Feuer und Opferungen wichtige Elemente. Das Haus wurde mit Lebenskraft verkörpernden immergrünen Zweigen (denen man auch schützende und heilende Kräfte zuschrieb) wie Tanne, Stechpalme, Mistel, Wacholder, Eibe oder Buchsbaum dekoriert, um an die Wiederkehr des Grünen in die Natur zu erinnern. Auch die zum Gedenktag der heiligen Barbara am 4. Dezember geschnittenen und ins Haus geholten Kirschbaum- oder andere Obstbaumzweige (die wohl auf die germanische Lebensrute (ein Pflanzentrieb, dessen Kraft man durch Berührung auf Menschen zu übertragen versuchte) zurückgehen) sollten um Weihnachten erblühen und als ein gutes Zeichen Zukünftiges und Glück prophezeien. Der in der heutigen Form frühneuzeitliche geschmückte Weihnachtsbaum (Nadelbaum) als ein Symbol des Lebens, der Gesundheit und Fruchtbarkeit hat seinen Ursprung vielleicht ebenfalls in der vor- und frühgeschichtlichen Verehrung heiliger Pflanzen bzw. in einem mit heiligen und magischen Gegenständen behängten und die Welt und das Leben symbolisierenden Baum. Und auch der Adventkranz war möglicherweise ein der Ahnen- und Totenverehrung dienender Kultgegenstand.

Zu den Bräuchen des nordischen Jul-Festes gehören zudem das Aufstellen des (die den germanischen Donnergott Thor begleitende Ziege darstellenden) Julbockes aus geflochtenem Stroh (der ursprünglich die Weihnachtsgeschenke brachte), der mit Kerzen als Zeichen der Hoffnung auf neues Licht geschmückte Julleuchter, das zwölftägige Brennen des aus dem Wald geholten hölzernen Julklotzes (mit dessen Asche nachher die Felder gedüngt und das Vieh versorgt wurden) sowie das Rollen brennender Sonnenräder.

 

Vertreibung von Geistern und des Winters - Silvester und Perchtenläufe

 

Die Rauhnächte sind/waren generell die Zeit der Reinigung des Hauses vor allem durch Ausräuchern oder auch Aussprengung von Weihwasser sowie der Geisterbeschwörung und -austreibung. Dabei wurden auch Lärm, laute Geräusche wie Peitschenknallen, Feuer und Verkleidungen eingesetzt, um Unheil bringende Geister zu vertreiben. Die heutige Tradition des Feuerwerkes und Böllerns in der Silvesternacht hat ihren Ursprung wohl in den Rauhnachtsbräuchen des Ausräucherns und der Geistervertreibung.

Vor allem die vier wichtigsten Rauhnächte gelten als besonders gefährlich. So sollte man Ordnung im Haus halten und möglichst keine (weiße) Wäsche auf die Leine hängen, da diese die „Wilde Jagd“ anlocken und so zum Leichentuch für den Besitzer werden könnte.

Perchten

In den mit mythischen, haarigen Gestalten verbundenen Perchtenumzügen im Alpenraum (die unter anderem auch die „Wilde Jagd“ symbolisieren und aus deren Tradition wahrscheinlich auch die im Advent auftauchenden und den Kinder beschenkenden Nikolaus begleitenden Schreckgestalten des teufelartigen, mit tierischen und mythischen Zügen versehenen Krampus und des Knecht Ruprecht stammen) versucht man ebenfalls, Geister und Dämonen sowie den Winter mit Lärm und Glocken auszutreiben. Die Percht, eine wilde Masken- und Sagengestalt, kann als gute Schönpercht (am Tag) und böse Schiechpercht (in der Nacht) auftreten. Sie geht wahrscheinlich auf die germanische Göttin Frigg (die Gemahlin Wodans/Odins) und keltische Einflüsse zurück und steht wohl auch in Verbindung zu der germanischen Totengöttin Hel oder Hella und der Figur der „Frau Holle“ im mitteldeutschen Raum. Die für Ordnung sorgende Perchta übt dem Volksglauben nach soziale Kontrolle aus, indem sie Ernährungs-, Arbeits- und Sauberkeitsvorschriften für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr überwacht und in diesem Zusammenhang Fleiß und Hilfsbereitschaft lobt oder Faulheit und Verstöße gegen das Festspeisegebot bestraft. Ferner gilt sie als Schicksalsfrau und Seelenbegleiterin. Bei den Perchtenläufen erscheint sie als mit einem weißen Fell, einer Holzmaske mit Fang- und Reißzähnen sowie Hörnerpaaren, einem Schweif und Schellen bekleidet.

  

Blicke in die Zukunft

 

Die Rauhnächte um den Jahreswechsel eignen sich dem Volksglauben nach für Blicke in die Zukunft und das Befragen von Orakeln. So soll das, was man in den Rauhnächten träumt, im kommenden Jahr in Erfüllung gehen. Auch der (schon bei den antiken Römern verbreitete) Brauch des Bleigießens als eine Form der Vorhersage der Zukunft an Silvester geht vermutlich auf ähnliche Bräuche in früherer Zeit zurück. Um das Wetter des nächsten Jahres vorher zu sagen, war es üblich, zwölf für die Monate stehende Zwiebelschalen am Abend mit Salz zu bestreuen und am nächsten Morgen von der ausgetretenen Menge an Flüssigkeit auf den Niederschlag im jeweiligen Monat zu schließen.

Der mitternächtliche Aufenthalt an Kreuzwegen kann ebenfalls die Zukunft voraussagen. Dabei werden Zeichen, auf die man an Wegkreuzungen schweigend lauscht, auf bestimmte Ereignisse hin ausgedeutet. In manchen Gegenden (vor allem auf den britischen Inseln) glaubte man, dass unverheiratete Frauen in den Rauhnächten an Kreuzwegen oder „magischen Orten“ um Mitternacht die Gestalt ihres zukünftigen Ehemannes sehen könnten, ihn aber nicht ansprechen dürften, da dies den Tod bedeuten würde. In den Rauhnächten ist es außerdem angeblich möglich, um Mitternacht Tiere die menschliche Sprache sprechen zu hören, was jedoch für den Zuhörer zum Tod führen kann.

Um im nächsten Jahr Glück zu haben, soll man in der Silvesternacht eine halbe Stunde vor Mitternacht alle Türen und Fenster bis auf die Hintertür verschließen, um das alte Jahr auszusperren. Durch die einzige offene Tür kann sich dann das neue Jahr einschleichen und im Haus Glück verbreiten.


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