Living History Mittelalter

Sachliche Zeugnisse und bildliche Darstellungen - Quellenkritik

Auf die historische Einordnung folgt die kritische Sichtung des Quellenmaterials. Sachliche, bildliche und schriftliche Quellen müssen im Hinblick auf ihre Entstehungszeit, den Entstehungsort, einen möglichen Auftraggeber und ihre Intention bewertet werden. Nur im festgelegten Zeitraum, oder kurz davor und kurz danach (ich habe für mich entschieden: +/- 30 Jahre) entstandene Quellen können eine Vorstellung der Zeit um 1200 geben.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Abbildungen in illustrierten Prachthandschriften meist idealisiert sind, im Zusammenhang mit dem jeweiligen Text stehen und daher in den wenigsten Fällen genau den realen Gegebenheiten entsprechen.

Ähnliches gilt für Statuen an Kirchen, die auch der Repräsentation dienten und dies oft in Kombination mit heute nicht mehr erhaltener farbiger Bemalung zum Ausdruck brachten.

In literarischen Texten nehmen Kleidungsdarstellungen eher einen geringen Raum ein, da das intendierte Publikum in der Regel mit der aktuellen Mode vertraut und eine detaillierte Beschreibung nicht notwendig war. Wenn Kleidung beschrieben wird, sind dies meist nach der neusten (oft französischen) Mode gefertigte, besonders hochwertige und prachtvolle Gewänder adeliger Personen, die den edlen Charakter einer Figur auch äußerlich demonstrieren sollen. Häufig werden Kleider im Zuge des Wieder-Einkleidens nach einem gesellschaftlichen Abstieg oder einer Krise (z.B. in Hartmanns Erec bei der verarmten Grafentochter Enite vor der Heirat mit Erec und im Iwein nach der Überwindung des durch den Verlust seiner Selbstidentität ausgelösten Wahnsinnes) thematisiert. Mit dem Anziehen schöner Gewänder wird auch der gesellschaftliche Status wieder hergestellt. Kleidungsbeschreibungen können daher nicht losgelöst vom Text betrachtet werden. Sie sind aber wertvolle Quellen für mittelhochdeutsche Termini für Stoffe und Kleidungsstücke.

Generell ist zu bedenken: alle aus Quellen ableitbaren Sachverhalte sind immer nur ein So-kann-es-gewesen-sein, niemals ein So-muss-es-gewesen-sein.



Chronologisch geordnete Übersicht von Sachquellen und Frauen zeigenden Ausschnitten aus Bildquellen überwiegend aus dem süd- und mitteldeutschen Raum (die Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit):

 

Sachquellen

 

Bußkleid der Heiligen Elisabeth von Thüringen
Abb. 1

Bußkleid der Landgräfin und späteren Heiligen Elisabeth von Thüringen, erstes Drittel 13.Jh. (um 1230), Mitteldeutschland

 

Entstehung des Kleides vor dem Hintergrund und als Ausdruck des von der ungarischen Königstochter und thüringischen Landgräfin Elisabeth gelebten Armutsideals und der Lehren des Bettelordensgründers Franziskus von Assisi.

 

 

 

  • Material des Kleides: dunkelbraun eingefärbte Wolle, dreischäftiger Kettköper
  • Form und Schnitt des Kleides: bodenlanges Oberkleid: gerade rechteckige Vorder- und Rückenbahn mit je zwei seitlichen Einsatzkeilen ab Brusthöhe, an die Schulterschräge angepasste Schulternähte, Ärmel mit Ärmelkugel und Ärmelkeilen, weiter Rockteil; zusammen genäht mit Leinenfaden in Überwendlichstichen

 

Kleid der Heiligen Klara
Abb. 2

Kleid der Heiligen Klara (1194 bis 1235), erstes Drittel 13.Jh., Italien

 

Entstehung des Kleides wohl nach der Entscheidung Clara von Assisis für das Leben in Askese und ihrem Anschluss an die Lehren des Franziskus von Assisi.

 

 


 

  • Material des Kleides: Wolle, vierschäftiger Köper
  • Form und Schnitt des Kleides: boden- bis überlanges Oberkleid: rechteckige Vorder- und längere Rückenbahn mit je drei auf Brusthöhe eingesetzten seitlichen Keilen, Schulternähte, Ärmel mit Ärmelkugel und Unterarmkeilen; zusammen genäht mit Überwendlichstichen
     
Mantel der Heiligen Klara
Abb. 3

Mantel der Heiligen Klara (vor 1253), erste Hälfte 13.Jh., Italien

 

Entstehung des Mantels wohl nach der Entscheidung Clara von Assisis für das Leben in Askese und ihrem Anschluss an die Lehren des Franziskus von Assisi.

 

 

 

 

  • Material des Mantels: bräunliche Wolle, dreischäftiger Köper
  • Form und Schnitt des Mantels: bodenlange (?) Überkleidung: beschnittene (?) Halbkreisform; zusammen genäht mit Leinenfaden in Überwendlichstichen
     
Jungfrauen am Magdeburger Dom
Abb. 4

Statuen am Magdeburger Dom, kurz nach 1230 bis um 1250, Mitteldeutschland: Zwei Kluge und eine Törichte Jungfrau der Figurengruppe

 

Fertigung der Statuen im Zuge der Vergrößerung des 1207 im gotischen Stil begonnenen Magdeburger Domes als Darstellung des Gleichnisses von klugen, christlich-tugendhaften und törichten, irdischen Verlockungen zugewandten Jungfrauen.

 

 

 

  • Form und Schnitt der Kleider: bodenlange Oberkleider: eng anliegende Ärmel, ab der Hüfte weite und in Falten fallende Rockteile; gegürtet mit hängenden Gürtelenden (links und in der Mitte) teilweise mit Beschlägen; einst rote Farbe an Gewändern der klugen und blaue Farbe an Gewändern der törichten Jungfrauen
  • Form und Schnitt der Überkleidung: bodenlange  Tasselmäntel (?): vor der Brust geschlossen (links mit Mantelriemen, in der Mitte und rechts mit Tasselschnur (?))
  • Sonstige Gegenstände: links und in der Mitte brennende Öllampe der klugen Jungfrauen, rechts leere Öllampe der törichten Jungfrau
     
Jungfrauenfigur, Bad Gögging
Abb. 5

Portal der Kirche St. Andreas in Bad Gögging, 1180 bis 1220, Süddeutschland: kluge Jungfrau

 

Jungfrauenfigur am Portal der der romanischen Kirche St. Andreas.

 

 

 

 

 

 

  • Form und Schnitt des Kleides: boden- bis überlanges Oberkleid: eng anliegende Ärmel, weiter und in Falten fallender Rockteil, rautenförmiges Muster im Oberkörperbereich; gegürtet
  • Form und Schnitt der Überkleidung: bodenlanges Manteltuch (?): vor der Brust mit vürspan oder haftel (Gewandspange) geschlossen
  • Kopfbedeckung: Schleier
  • Sonstige Gegenstände: Öllampe mit langem Trageband oder -griff


Synagoge, Bamberger Dom
Abb. 79

Fürstenpforte des Bamberger Domes, erste Hälfte 13.Jh., Süddeutschland: Synagoge

 

Statue der das Judentum symbolisierenden Synagoge am Fürstenportal des romanisch-gotischen Bamberger Kaiserdomes.

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Form und Schnitt des Kleides: bodenlanges Oberkleid: figurbetonte Oberkörperpartie, eng anliegende Ärmel, ab der Hüfte in Falten fallender Rockteil; gegürtet mit hängendem Gürtelende mit Beschlägen; am Ausschnitt mit vürspan geschlossen

 

 

Bildquellen

 

deutschsprachiger Raum

 

Evangelistar
Abb. 6

Evangelistar, um 1170 bis 1180, Süddeutschland

 

Illustration in einer illuminierten Prachthandschrift.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  • Form und Schnitt der Kleider: dunkelgrüne und blaue wohl bodenlange Oberkleider mit rötlichem Innenfutter: sehr weite und hochgeschobene Ärmel mit teilweise sichtbaren engen Ärmeln des Unterkleides bei den das Kind haltenden Frauen, schmale Ärmel der im Bett liegenden Mutter, weiter Bauchbereich, in Falten fallende Rockteile
  • Kopfbedeckungen: Hauben

 

Illustration des Jungfrauenspiegels
Abb. 7

Jungfrauenspiegel, um 1190, Illustrationen in einer Handschrift aus dem 13.Jh., Süddeutschland: unverheiratete und verwitwete Frauen bei der Ernte

 

Entstehung der Abbildung als Illustration einer Handschrift des christlich-monastischen Lehrtextes Speculum Virginium in Bezug auf die Ernteallegorie und den Vergleich der Produktivität von Jungfrauen, Witwen und Ehefrauen.

 

 

 

 

 

 

 



  • Form und Schnitt der Kleider: naturfarbene bodenlange Unterkleider: eng anliegende Ärmel, weite Rockteile; oben links und unten rechts über dem Unterkleid getragenes Oberkleid: am Unterarm und Handgelenk enge Ärmel, Sichtbarkeit des Unterkleides am Saum und Handgelenk; wahrscheinlich gegürtet
  • Kopfbedeckungen: offenes Haar der Jungfrauen, bei den Witwen lose um den Kopf geschlungenes Tuch und „Wimpel“ mit herunter hängendem Tuchende
  • Fußbekleidung: leicht spitz zulaufende Schuhe wohl aus Leder (unten rechts)
  • Sonstige Gegenstände: rechenartiges landwirtschaftliches Gerät

 

Liber ad honorem augusti, Liber scivias
Abb. 8 und 9

Liber ad honorem augusti zur staufischen Eroberung Siziliens, um 1196, Süditalien: Herzogin von Spoleto

Liber Scivias der Hildegard von Bingen, Ende 12.Jh. und um 1220, Süddeutschland: Illustration der Vision III, 11

 

Entstehung der Abbildung 8 als zeitgemäße Illustration des die staufische Eroberung Siziliens thematisierenden epischen Textes Liber ad honorem augusti sive de rebus Siculis des Petrus de Ebulo: Darstellung der Herzogin von Spoleto bei der Entgegennahme des Babys Friedrich (des späteren Kaiser Friedrich II.). Abbildung 9 Teil der Illustration zur Vision „Ende der Zeiten“: möglicherweise Zeigen der personifizierten Kirche mit dem aus dem Schoß der Frau entspringenden Haupt des Sohnes des Verderbens.

 

  • Form und Schnitt der Kleider: naturfarbene bodenlange Oberkleider
  • Form und Schnitt der Überkleidung: grünes ponchoähnliches Kleidungsstück; blauer und rot gefütterter ponchoähnlicher Mantel mit Kapuze
  • Kopfbedeckungen: Kopftuch oder Haube (links), Kapuze des Mantels (rechts)

 

Rupertsberger Scivias-Codex
Abb. 10

Rupertsberger Scivias-Codex, Ende 12.Jh., Südwestdeutschland: drei der Gotteskräfte in der Miniatur „der Menschensohn“

 

Entstehung der Miniatur als Illustration der heute nur als Faksimile erhaltenen Rupertsberger Prachthandschrift der Visionen der Mystikerin Hildegard von Bingen.

 

 


  • Form und Schnitt der Kleider: hellgrüne, hellblaue und gelbgrüne bodenlange Oberkleider: weite Ärmel, am Handgelenk Sichtbarkeit gleichfarbiger oder etwas hellerer Unterkleider (?), faltenreiche Rockteile
  • Kopfbedeckungen: Schleier

 

Reiner Musterbuch
Abb. 11

Reiner Musterbuch, ca. 1200 bis 1220, Österreich: Ehepaar, Ehefrau bei Überwachung der Feldarbeit, Weberin

 

Abbildungen Teil von Zeichnungen zum Eheleben und Gewerbe im ältesten bekannten Musterbuch: links Darstellung einer Familienszene, in der Mitte der Überwachung der landwirtschaftlichen Arbeit und rechts des Webereigewerbes.

 

  • Form und Schnitt der Kleider: bodenlanges Oberkleid der Ehefrau (links): eng anliegende Ärmel mit Borte am Handgelenk, brettchengewebter Gürtel zur Raffung des Kleides in der Taillengegend; knöchellanges Unterkleid der Ehefrau (Mitte): etwas weitere Ärmel und keine Raffung; Oberkleid einer Weberin (rechts): sehr breite Ärmel, am Unterarm Sichtbarkeit des Unterkleides
  • Kopfbedeckungen: bei der Ehefrau (links und in der Mitte) wohl in Form eines Wimpels gebundenes Kopftuch, Gebende der Weberin (rechts)

  • Sonstige Gegenstände: Sitzbank; Webrahmen

 

Illustration des Jungfrauenspiegels
Abb. 12

Jungfrauenspiegel, um 1190, Illustration in einer Handschrift aus dem ersten Viertel des 13.Jhs., Süddeutschland: Personifikationen, Leiter der heiligen Perpetua

 

Entstehung der Abbildung als Illustration einer Handschrift des christlichen Lehrtextes Speculum Virginium.

 

  • Form und Schnitt der Kleider: rötliche und grüne bodenlange Oberkleider: sehr weite Ärmel der Tugend-Personifikationen (links) mit teilweise sichtbaren engen Ärmeln des Unterkleides, weniger weite Ärmel der die Leiter hoch kletternden Frauen (rechts), weite Bauchbereiche, faltenreiche Rockteile
  • Kopfbedeckungen: Kopftuch mit über die Schulter herab hängendem Ende bei der Humilitas (rechts)

 

Eneasroman
Abb. 74

Heinrich von Veldeke: Eneasroman, Illustrationen von 1215/1220, Süddeutschland: Königin Dido auf Jagdausflug mit Eneas, Didos Schwester und die Wahrsagerin finden die sterbende Dido, Lavinia schickt einen Brief an Eeneas

 

Entstehung der Abbildungen als Illustrationen zum ersten deutschsprachigen Liebesroman von ca. 1170-1189.

 

  • Form und Schnitt der Kleider: bodenlange Oberkleider: sehr weite Ärmel bei der Schwester Didos und der Wahrsagerin, oben weite und am Handgelenk eng anliegende Ärmel sowie brettchengewebter Gürtel zur Raffung des Kleides in der Taillengegend bei Lavinia, faltenreiche Rockteile
  • Kopfbedeckungen: Strohhut (Dido), Kopftücher (Didos Schwester und Wahrsagerin), unbedecktes Haar (Lavinia)

 

Psalterium Feriatum und Goslarer Evangeliar
Abb. 13

Psalterium Feriatum, kurz nach 1235, Mitteldeutschland

Goslarer Evangeliar, um 1240, Nord-Mitteldeutschland

 

 

Entstehung der Miniaturen als Illustrationen von Prachthandschriften: möglicherweise Darstellung der Pflege Marias nach der Geburt des Jesuskindes.

 

  • Form und Schnitt der Kleider: braune, rötliche, blaue und grüne sowie bodenlange Kleider: eher weit geschnitten, sehr faltenreich, teilweise hoch geschobene Ärmel
  • Form und Schnitt der Überkleidung: im Psalterium Feriatum rötliche und blaue ponchoähnliche Mäntel mit Kapuze (oben links), einer Toga ähnelndes Kleidungsstück (Mitte links)
  • Kopfbedeckungen: Kapuzen der Mäntel, Hauben, Kopftuch mit über die Schulter herab hängendem Ende, um den Kopf geschlungene Stoffstreifen
  • Sonstige Gegenstände: Krüge, Tücher
     
Codex Buranus
Abb. 14

Codex Buranus, ca. 1230, Süddeutschland: Minneszene

 

Entstehung der Miniatur sich quer gelegt zwischen Liebeslieder-Texten befindliche und ein Liebespaar zeigende Illustration einer Handschrift der Camina Burana.

 

 

 

 

 

 

 


  • Form und Schnitt des Kleides: dunkelgrünes überlanges Oberkleid: sehr körperbetonter Schnitt, am Handgelenk sehr eng anliegende Ärmel, rote Borte an den Oberarmen, an den Handgelenken und am Halsausschnitt; gegürtet mit herab hängendem Gürtelende
     
Illustration des Welschen Gast
Abb. 15

Thomasin von Zerklaere: Der welsche gast, Illustrationen in einer Handschrift von ca. 1256, Süddeutschland: weibliche Tugenden

 

Entstehung der eng mit dem Text verknüpften und wohl bereits von Thomasin konzipierten Abbildungen zur Illustration des didaktischen Lehrgedichtes aus den 1210er Jahren.

 

 

 

 





  • Form und Schnitt der Kleider: rote, blaue und hellgrüne boden- bis überlange Oberkleider: eng anliegende Ärmel, ab der Taille weite und in Falten fallende Rockteile; gegürtet
  • Form und Schnitt der Überkleidung: grünes Manteltuch (oben links)
  • Kopfbedeckungen: bei den jungen Frauen unbedecktes Haar in Wellen gelegt oder zu Zöpfen gebunden, ältere Frau mit Gebende

  • Fußbekleidung: rötliche Schuhe oder Fußteile von Strümpfen
  • Sonstige Gegenstände: Waagen, Sitzbank, Beutel
     

Westeuropa: Frankreich und England

 

Fécamp Psalter
Abb. 16

Fécamp Psalter, um 1180, Frankreich: Bauern bei der Aussaat

 

Entstehung der Illustration als Teil eines Kalenderblattes für den Monat Oktober.

 

 

 


  • Form und Schnitt des Kleides: beige-rötliches bodenlanges Oberkleid: körperbetonter Schnitt, schmale Ärmel, Gürtel oder Borte im Taillenbereich
  • Kopfbedeckung: um den Kopf geschlungenes Tuch

 

Bilder-Bibel
Abb. 17

Psalter/Bilder-Bibel, um 1200, Frankreich: heilige Agnes von Rom, Judith, törichte Jungfrauen

 

Miniaturen Teil einer bebilderten Bibel mit gegen Ende des 13.Jhs. hinzugefügtem Text.

 

  • Form und Schnitt der Kleider: bodenlange Oberkleider in hellen Grün-, Rot- und Blautönen: enge Ärmel bei der heiligen Agnes (links), am Handgelenk weite Ärmel bei Judith (Mitte), eher schmale und figurbetonte Rockteile
  • Form und Schnitt der Überkleidung: ponchoähnliche Mäntel mit Kapuze oder passendem Schleier (rechts)
     
Lateinischer Psalter
Abb. 18

Lateinischer Psalter, erstes Viertel 13.Jh., England: Mose wird in Ägypten gefunden, Befehl des Herodes

 

Illustrationen in einer illuminierten Prachthandschrift.

 



  • Form und Schnitt der Kleider: knöchel- bis bodenlange Oberkleider in Rot- und Blautönen: schmale Ärmel der Damen in Ägypten (links), weite Ärmel mit darunter sichtbarem Unterkleid einer der Mütter der durch Herodes´ Befehl getöteten Kinder (rechts), leicht in Falten fallende Rockteile
  • Form und Schnitt der Überkleidung: ponchoähnliche Mäntel mit oder ohne passenden Schleier, Schürze (links)
  • Kopfbedeckungen: um den Kopf geschlungene Tücher (rechts)
  • Fußbekleidung: schwarze knöchelhohe Schuhe mit einem dünnen verzierenden Muster

 

Kreuzfahrerbibel/Maciejowski-Bibel
Abb. 19

Kreuzfahrerbibel/Maciejowski-Bibel, 1240er Jahre, Frankreich: Schwester des Propheten Mose und andere Damen, Frauen für Benjamiten, Ruth und Bäuerin, Bauern bei Feldarbeit, Isaacs Gemahlin Rebekka, Frau und Dienerin eines reisenden Leviten

 

Bildliche Darstellung des Alten Testamentes in Szenen im zeitgenössischen gotischen Stil.

 





  • Form und Schnitt der Kleider: naturfarbene, blaue, hellgrüne und rötliche boden- bis überlange Oberkleider: eng anliegende Ärmel, ab der Hüfte weite und in Falten fallende Rockteile; gegürtet; mit Gewandschließen versehen (oben Mitte)
  • Kopfbedeckungen: Schleier der Miriam und ihrer Damen (oben links), unbedecktes Haar der Frauen für die Benjamiten (oben Mitte), Gebende der Feldarbeiterin (unten links), Wimpel der Rebekka (unten Mitte)
  • Taschen: trapezförmige und mit Quasten versehene Umhängetaschen (Pilgertaschen) der Frau und Dienerin des Leviten (unten rechts)

Vergleichbare Darstellungen zeigen die um 1250 ebenfalls in Frankreich entstanden Handschriften der Bible moralisée (Codex Vindobonensis 2554 und Ms. Bodl. 270b aus Oxford).

 

Ein Blick über den Tellerrand: Darstellungen von Frauen des hohen Adels, von Heiligen und von Personifikationen aus dem Zeitraum zwischen ca. 1160 und 1250 gibt es hier.

 

 

Literarische Quellen

 

Hartmann von Aue: Erec, um 1185, Deutschland

 

„klassischer“ Artusroman in Form eines Aventiureromans mit Doppelwegstruktur: Ziel des durch Selbstfindung des Helden erreichten, gleich gewichteten Verhältnisses von Gegenwelt und Artushof, von Einzelnem und Gesellschaft.

  • Kleider Enites bei der ersten Begegnung mit Erec: der megede lîp was lobelich. der roc was grüener varwe, gezerret begarwe, abehaere über al. dar under was ir hemde sal und ouch zebrochen eteswâ: sô schein diu lîch dâ durch wîz alsam ein swan. man saget daz nie kint gewan einen lîp sô gar dem wunsche gelîch: und waere si gewesen rîch, sô engebraeste niht ir lîbe ze lobelîchem wîbe. (Verse 323 bis 335): Darstellung der verarmten Adeligen mit zerrissenem grünen Oberkleid und darunter sichtbarem, schmutzigen zerrissenen Unterkleid, aber dennoch hervor stechender makelloser Schönheit.
  • Enite nach der Einkleidung durch die Königin am Artushof: diu vrouwe mit der krône, ir lieben gast si kleite: wan dâ was bereite vil rîchez gewant: si nâte selbe mit ir hant in ein hemde daz magedîn: daz was wîz sîdîn. daz hemde si bedahte, daz manz loben mahte, mit einem rocke wol gesniten nâch kerlingischen sîten, weder zenge noch ze wît: der was ein grüener samît mit spannebreiter lîste, dâ si si in brîste, mit gespunnenem golde beidenthalp sô man solde, von ietweder hende an der sîten ende. ouch wart vrouwen Êniten gegurt umbe ir sîten ein rieme von Îberne […] vür ir brust wart geleit ein haftel wol hande breit, daz was ein gelpher rubin […] dar roc was bevangen, mit einem mantel behangen der im ze mâze mohte sîn, daz geville hermîn, daz dach ein rîcher sigelât. disiu küneclîche wât was gezobelt ûf die hant. ein borte ir hâr zesamene bant: der was ze mâze breit, kriuzwîs überz houbet geleit.  (Verse 1537 bis 1575): mit einem Unterkleid aus weißer Seide, einem Oberkleid aus grünem Samit (fester, mit Goldfäden durchwirkter Stoff) mit Borte (auf beiden Seiten an den Kanten) und Gürtel sowie einem Mantel aus Sigelat (zweifarbiger, mit Goldfäden durchwirkter Stoff) mit Hermelinfutter wird Enites Schönheit auch äußerlich und vervollkommnend hergestellt und lässt sie zur einer guten Partie werden.

 

> Folgerungen für die Darstellung

 

Alle Quellen eines Zeitraumes lassen sich wahrscheinlich nie erfassen und man wird wohl immer das Gefühl haben, etwas eigentlich sehr Wichtiges nicht gefunden zu haben. Aus den nun gesichteten Quellen (deren Schwerpunkt klarerweise auf dem heutigen Süd- bis Mitteldeutschland liegt, obgleich ich mir auch Abbildungen aus dem staufischen Sizilien, Frankreich und England angeschaut habe) aus der Zeit etwa zwischen 1170 und 1250 mit Darstellungen nicht-hochadeliger und nicht-heiliger Frauen lassen sich jedoch einige Schlüsse für die Kleidung meiner Bürgerin ziehen, auf denen ich aufbauen kann.

 

Unter- und Oberkleidung

  • Die Kleider der heiligen Elisabeth und der heiligen Klara sowie die Statuen zumindest der Törichten Jungfrauen am Magdeburger Dom und der Synagoge am Bamberger Dom stellen relativ sichere Belege für die Ausführung eines einfachen Unter- und Oberkleides an der Wende zum 13.Jh. dar. Zum einen das Material Wolle, zusammen genäht mit Leinengarn. Zum anderen der Schnitt mit einer rechteckigen Vorder- und etwas längeren Rückenbahn (mit einer Schulternaht als Verbindung), einem schmalen runden Halsausschnitt, eng anliegenden und zum Handgelenk leicht schmaler werdenden Ärmeln (mit einem rautenförmigen Zwickel unter der Achsel) und einem weiten, in Falten fallenden bodenlangen Rockteil mit seitlich (etwa auf Brusthöhe) eingesetzten Keilen. Der eher weite und A-förmige Schnitt kann, wie bei den Jungfrauen, mit einem Gürtel auf Figur gebracht werden.
    Das Erntebild des Jungfrauenspiegels, die Darstellung der Lavinia in der Berliner Handschrift des Eneasromans, die Maciejowski-Bibel und die Abbildungen im Welschen Gast zeigen ebenfalls bodenlange Unter- und Oberkleider mit eng anliegenden Ärmeln und einem weiten Rock sowie einem nicht sichtbaren, raffenden Band/Gürtel in der Taillen-Hüftgegend. Auch das Kleid der heiligen Agnes in der Bilderbibel und die Kleidung der ägyptischen Hofdamen im Lateinischen Psalter sind in diese Richtung einzuordnen. Die bei den bei der Entbindung helfenden Frauen im Evangelistar, bei der Liebenden im Codex Buranus, in der Maciejowski-Bibel z.B. bei den Frauen der Benjamiten und im Welschen Gast vorkommenden Farben, wie Grün, Indigoblau oder Krapprot, können auch für zumindest ein Sonntagskleid der Frau oder Tochter eines besser gestellten Handwerkers angenommen werden.
  • Ein Beispiel eines nur knöchellangen, mit etwas weiteren Ärmeln versehenen und ohne Gürtel getragenen Unterkleides liegt bei der die Feldarbeit überwachenden Ehefrau im Reiner Musterbuch vor. Ein schmal geschnittenes Kleid ist an der Bäuerin im Fécamp Psalter und ein sehr Körperbetontes in der Liebespaar-Illustration des Codex Buranus abgebildet. Breiter geschnittene Ärmel, in denen der enge Ärmel des Unterkleides hervor schaut, finden sich am bodenlangen und im Taillenbereich gerafften, gelbgrünen Oberkleid einer der Allegorien der Gotteskräfte im Rupertsberger Scivias-Codex und bei einer der Mütter im Lateinischen Psalter. Eher weite und am ganzen Körper sehr faltenreiche Kleider sind auch im Evangelistar, im Jungfrauenspiegel und im Psalterium Feriatum zu sehen.
  • Die Oberkleider der Statuen der Jungfrauen und der Synagoge, die Frauendarstellungen auf dem Erntebild des Jungfrauenspiegels, die Illustration des Codex Buranus und die Abbildung der Schwester des Mose in der Maciejowski-Bibel legen für die erste Hälfte des 13.Jhs. eine durch das Zusammenraffen des Kleides mit einem Gürtel oder etwas Ähnlichem im Bereich zwischen Taille und Hüfte erreichte figurbetontere Oberkörperpartie nahe. Zudem deuten sie auf die Verwendung eines ledernen Gürtels mit einem herab hängenden Ende hin.

  • Da die Kleider der nach dem Armutsideal lebenden Elisabeth und Klara zum Ausdruck der Enthaltsamkeit und in Brauntönen gefertigt wurden und das Erntebild des Jungfrauenspiegels wohl Frauen aus dem ländlich-bäuerlichen Umfeld darstellen soll, erscheint eine etwas intensivere Farbgebung des Kleides einer Frau der städtischen Mittelschicht wahrscheinlich.
    Anhand des (Haar)Schmuckes und der Mantelform sind vor allem die Klugen Jungfrauen am Magdeburger Dom eher in das adelige Umfeld einzuordnen, die schlichteren Gewänder der Törichten können jedoch als Anregung für die Darstellung einer gesellschaftlich niedriger stehenden Frau dienen. Auch das Reiner Musterbuch zeigt wohl ein adeliges Anwesen. Die Darstellungen im Welschen Gast und in der Maciejowski-Bibel lassen sich zum Teil nicht eindeutig einordnen, die Abbildungen hier werden aber ebenfalls von der zeitgenössischen Kleidung des Adels beeinflusst worden sein.
    Die Miniatur im Rupertsberger Scivias-Codex, die Darstellungen im zweiten Jungfrauenspiegel und die Kleider der heiligen Frauen in der Bilder-Bibel können aufgrund ihres geistlichen Hintergrundes nicht als Vorlage für das Kleid einer Handwerkergattin oder -tochter genutzt werden.

Kopfbedeckungen

  • Während man bei den unverheirateten Frauen in Abbildungen meist auf unbedecktes Haar stößt, tragen Ehefrauen und Witwen hingegen um den Kopf geschlungene Tücher in Form von einfachen Kopftüchern oder Gebenden. Häufig finden sich, unter anderem auf dem Erntebild im Jungfrauenspiegel und in der Maciejowski-Bibel sowie im Reiner Musterbuch, so genannte „Wimpel“, die um den Kopf und die Kinnpartie gebunden sind und auf einer Kopfseite das Tuchende mehr oder weniger sichtbar herab hängen lassen. Kopftücher z.B. in der Bindeform beider Jungfrauenspiegel-Illustrationen und eventuell der Wimpel werden auch von einer Handwerkersfrau getragen worden sein.

Überkleidung

  • Der Mantel der heiligen Klara sowie die ponchoähnlichen Kleidungsstücke der Herzogin von Spoleto im Liber ad honorem und einer der Hofdamen der Pharaonentochter im Lateinischen Psalter bilden Beispiele für ein Mittelding zwischen Rechtecktuch und Halbkreismantel. Dieses vorne geschlossene Stoffteil ist auch als Überkleidung einer Handwerkergattin/-tochter denkbar.

 

Die Zusammenfassung der Quellenlage und der Abgleich der vorhandenen Quellen mit dem Darstellungsziel legen nun nahe, hauptsächlich die Kleider der heiligen Elisabeth und Klara, die Statuen der Törichten Jungfrauen am Magdeburger Dom, die Statue der Synagoge am Bamberger Dom und das Erntebild des Jungfrauenspiegels sowie ferner das Reiner Musterbuch, den Welschen Gast, den Lateinischen Psalter und die Maciejowski-Bibel als Basis für die weitere Arbeit zu nehmen.

 


Abbildungsnachweise und verwendete Literatur