Quedlinburg

06484 Quedlinburg

 

Am Nordostrand des Harzes gelegene und von dem sandsteinernen Schlossberg mit der romanischen Stiftskirche überragte ehemalige ottonische Königspfalz mit von über 1300 Fachwerkhäusern aus mehreren Jahrhunderten gesäumten kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt und Neustadt.

Stiftsberg Quedlinburg
Schlossberg mit Stiftskirche, Quedlinburg

Quedlinburg Altstadt
Quedlinburg, Altstadt

Geschichte

 

Das Quedlinburger Stadtgebiet ist seit der Altsteinzeit und besonders des Neolithikums (Jungsteinzeit als Periode der Sesshaftwerdung, des Ackerbaus und der Viehzucht) besiedelt. Im 5.Jh./6.Jh. bestand ein Wirtschaftshof des thüringischen Adeligen Quitilo südwestlich des Schlossfelsens und ab der ersten Hälfte des 10.Jhs. existierte ein Stammsitz der Liudolfinger bei/in Quedlinburg (wohl der Wipertihof).

Nachdem der sächsische Herzog Heinrich (I.) aus dem Adelsgeschlecht der Liudolfinger die Königskrone des Heiligen Römischen Reiches erworben hatte, gründete er zu Füßen des nun zu einer Burg ausgebauten Sandsteinfelsens nördlich des Wipertihofes eine Königspfalz. Sie diente in der Folge als Abhaltungsort des Osterfestes und Zentrum der Reichspolitik vom 10.Jh. bis 12.Jh. unter den ottonischen und salischen Herrschern (große Hoftage gab es z.B. unter Otto I. 973 und Otto III. 1000), unter denen sich vor dem Vorstellungshintergrund einer Fortführung der Tradition des antiken römischen Reiches aus dem Ostfränkischen Reich der Karolinger das Heilige Römische Reich herausbildete. Im Jahr 922 wurde Quedlinburg zum ersten Mal genannt.

Nach dem Tod König Heinrichs I. 936 gründete seine Gemahlin Mathilde zum Totengedenken ein Damenstift für unverheiratete Töchter hochadeliger Familien. Der römisch-deutsche Kaiser Otto I. (Sohn Heinrichs I. und Mathildes) stattete das königliche Familienstift mit Landbesitz aus und verlieh ihm die Reichsunmittelbarkeit (das Stift war damit nur dem Reichsoberhaupt und dem Papst unterstellt). Die Äbtissinnen (die erste Äbtissin war Ottos I. Tochter Mathilde) regierten ab diesem Zeitpunkt als Landesherrinnen über Quedlinburg, das sich ab 994 nach der Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechtes (sowie des ungehinderten freien Handels im Reich) durch den römisch-deutschen König Otto III. aus einer Hörigensiedlung am Fuße des westlichen Stiftsberges rund um die heutige Marktkirche entwickelte. Im 11.Jh. erlangten die Bürger im Einvernehmen mit der Oberhoheit des Stiftes Markt-, Handels- und Verwaltungsrechte, was in den folgenden Jahrhunderten zu wirtschaftlichem und politischem Aufschwung unter anderem durch das Gewandschneider- und Kaufmannswesen sowie der Errichtung einer Stadtmauer führte.

Um 1200 entstand durch den Mühlgraben von der Altstadt getrennt die Neustadt zunächst mit Anwesen der Ackerbürger aus dem Umland. Um 1300 wurde die Altstadt mit der Neustadt belehnt und beide agierten von nun an gemeinsam als Stadt Quedlinburg.

In der Mitte des 14.Jhs. erreichte die Stadt nach der Gefangensetzung des Schutzvogtes Graf Albrecht II. von Regenstein (vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit Bischof Albrecht II. von Halberstadt) größere Unabhängigkeit von der als Stadtherrin fungierenden Äbtissin. Die bäuerlichen Siedlungen um die Blasii- und die Aegidiikirche sowie des Word- und Pöllenviertels wurden nun durch eine neue Stadtmauer umschlossen. Um die Mitte des 15.Jhs. war Quedlinburg Mitglied im Städtebund der Hanse.

Einen Einschnitt in der Entwicklung Quedlinburgs bildete der Verlust der städtischen Privilegien nach bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Bürgerschaft der Stadt und dem Bischof von Halberstadt sowie der sich durchsetzenden Äbtissin Hedwig von Sachsen und ihren wettinischen Brüdern Ernst und Albrecht im Jahr 1477, die die Festschreibung der kursächsischen Vogtei über das Reichsstift zur Folge hatte.

Quedlinburg Neustadt
Quedlinburg, Neustadt

Während des deutschen Bauernkrieges in den 1520er Jahren wurden vier Klöster der Stadt zerstört, darunter das Benediktinerinnenkloster auf dem Münzenberg. Mit der Einführung der Reformation 1539 wurde das bisher katholische Stift evangelisch.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlebte Quedlinburg einen städtebaulichen Aufschwung, dem 1676 ein großer Stadtbrand ein jähes Ende setzte.

Am Ende des 17.Jhs. wurden die Vogteirechte über das Stift an Kurbrandenburg verkauft und das Stiftgebiet durch Brandenburg-Preußen besetzt. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss (unter anderem Säkularisierung: Trennung von Staat und Kirche, Auflösung der geistlichen Herrschaften und Übergabe in weltlichen Besitz) überging das aufgelöste Reichsstift am Anfang des 19.Jhs. als Fürstentum Quedlinburg in den Besitz des Königreichs Preußen und war von 1815 bis 1938 eine Garnisonsstadt. Im 18.Jh. und 19.Jh. konnte Quedlinburg durch Blumen- und Saatzucht einen beachtlichen Wohlstand verzeichnen, der sich an der Wende zum 20.Jh. in einem um den mittelalterlichen Stadtkern herum angelegten Gürtel mit Villen im Jugendstil nieder schlug. Im Zuge der Industrialisierung dehnte sich die Stadt nach dem Anschluss an die Eisenbahnlinie und der daraus resultierenden Entstehung von Metallwaren- und Farbenfabriken weiter aus.

In der Zeit des Nationalsozialismus war Quedlinburg Abhaltungsort jährlicher Feierlichkeiten um den durch SS Reichsführer Heinrich Himmler als „germanisches“ Vorbild angesehenen König Heinrich I. sowie die „Weihestätten“ Wilbertikrypta und St. Servatii. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte die Stadt zum sozialistischen Lager. Am 9. November 1989 erlebte Quedlinburg in Unkenntnis über die zeitgleiche Maueröffnung die größte Demonstration seiner Geschichte. Anlässlich der Tausendjahrfeier des Marktrechtes wurden im Jahr 1994 große Teile der Stadt zum UNESCO-Welterbe erklärt.

 

Besichtigung

 

Quedlinburg gliedert sich in die historische Kernstadt mit dem Schlossberg mit der romanischen Stiftskirche, den Münzenberg mit der romanischen Klosterkirche, die nördlich der Kernstadt am Fuße des Burgberges gelegene Altstadt und die sich östlich der Kernstadt und des Mühlengrabens erstreckende Neustadt.

Insgesamt verfügt Quedlinburg über mehr als 1200 dicht an dicht stehende Fachwerkhäuser aus verschiedenen Jahrhunderten. Der älteste erhaltene Gebäudetyp sind spätmittelalterliche, in Ständerbauweise errichtete Fachwerkhäuser, die von spätgotischen Fachwerkbauten in Geschossbauweise mit vorkragenden Obergeschossen abgelöst wurden. Am Übergang zur frühen Neuzeit entstanden Gebäude im niedersächsischen Stil mit verzierenden Ornamenten und geometrischen Formen sowie Bauten im Renaissancestil mit vorkragenden Obergeschossen und reich geschnitzten Fassaden. Die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg brachte Häuser des Quedlinburger Sonderstils mit einem Diamantschnitt der pyramidenförmigen Balkenköpfe hervor. Danach verflachten sich die immer sachlicher werdenden Schmuckformen. Horizontale Linien, Giebel und Mansardendächer kennzeichnen Gebäude des Barock und als Doppelständer gestaltete Fassaden prägen Häuser im Stil des Klassizismus.

 

Stiftsberg, Quedlinburg
Stiftsberg, Quedlinburg

Den Spaziergang durch die schmalen kopfsteingepflasterten Gassen beginnt man am besten in der Nähe der historischen Keimzelle Quedlinburgs am sandsteinernen Schlossberg. An oder auf ihm befand sich die am Anfang des 10.Jhs. durch König Heinrich I. erbaute und von Freihöfen der im Dienst des Königs/Kaisers stehenden Ministerialen umgebene Pfalz. Pfalzen waren befestigte Plätze, die vom Herrscher regelmäßig aufgesucht wurden und mit adäquater baulicher Ausstattung meist in Form von repräsentativen Wohngebäuden mit Saal versehen waren.

Auf dem Schlossberg thront weithin sichtbar das Wahrzeichen Quedlinburgs, das Damenstift mit seinen renaissancezeitlichen Wohngebäuden sowie der zwischen 997 und 1129 (auf drei Vorgängerbauten) aus Sandstein errichteten, hochromanischen und lombardisch beeinflussten Stiftskirche St. Servatius mit einem zweitürmigen Westwerk und einem gotischen hohen Chor.

Stiftsberg mit Dechanei und Stiftshauptmannei, Quedlinburg
Stiftsberg mit Dechanei und Stiftshauptmannei, Quedlinburg

Das Stiftsareal erreicht man nach einem kurzen Aufstieg durch das Torhaus und gelangt dann an der Dechanei und Stiftshauptmannei vorbei im Norden des Schlossberges zu einem an drei Seiten einen Innenhof einfassenden Gebäude-komplex.

Stiftsberg mit Renaissancegebäuden, Quedlinburg
Stiftsberg mit Renaissancegebäuden, Quedlinburg

Er besteht aus dem renaissancezeitlichen Residenzbau (aus der zweiten Hälfte des 16.Jhs.) der Äbtissin mit einem hofseitigen Fachwerkgang (vom Anfang des 18.Jhs.) im ersten Stock und dem Wendelstein (einst eine Verbindung zur Kirche) sowie der Neuen Abtei und dem Wohntrakt der adeligen Stiftsfrauen. In den ehemaligen Empfangs- und Audienzsälen wurde das Schlossmuseum eingerichtet.

Stiftsberg, ottonisches Gewölbe
Stiftsberg, ottonisches Gewölbe

Zu besichtigen sind z.B. ein ottonisches Gewölbe (mit der Darstellung der mittelalterlichen Geschichte des Stiftes) und der mit Stuckdecke, roter Seidentapete und strahlenförmigem Parkettfußboden ausgestattete „Thronsaal“. In den benachbarten Räumen wird die Geschichte der Region anhand von Ausstellungsstücken wie dem bronzezeitlichen Hortfund vom Lehof, einer Goldscheibenfibel oder dem aus dicken Holzbohlen gefertigten Raubgrafenkasten (der angebliche Ort der Gefangenschaft Graf Albrechts II. von Regenstein) präsentiert.

Stiftskirche St. Servatii, Quedlinburg
Stiftskirche St. Servatii, Quedlinburg

An der Südseite des Schlossberges erhebt sich die durch ein rundbogiges romanisches Säulenportal zugängliche Stiftskirche als Teil des 936 gegründeten ottonischen Damenstiftes, das als Begräbnisstätte König Heinrichs I. und Königin Mathildes dient und seine Blüte vom 10.Jh. bis frühen 13.Jh. erlebte. Der durch Rechteckformen geprägte Innenraum der zwischen 1070 und 1129 (an der Stelle einer karolingischen und einer ottonischen Basilika) entstandenen, flachgedeckten dreischiffigen Basilika wird durch ein an den Wänden verlaufendes Relieffries sowie den Wechsel von je einem Pfeiler und zwei Säulen gegliedert. Der so genannte niedersächsische Stützenwechsel trennt die hoch über der ebenerdigen Krypta liegenden Haupt- und Seitenschiffe voneinander. Unter dem Chor befindet sich am Ende des Langhauses die von Kreuzgratgewölben überspannte romanische Krypta mit Seccomalereien aus der zweiten Hälfte des 12.Jhs. (die Figurenzyklen aus dem Alten und Neuen Testament sowie Personen der kaiserlichen Familie Ottos I. und Adelheids zeigen), den Königsgräbern Heinrichs I. und Mathildes sowie teilweise um 1130 hergestellten Grabplatten mit plastischen Bildnissen der Quedlinburger Äbtissinnen. Im nördlichen Querhaus der Kirche wird der Stiftsschatz aufbewahrt, der sich größtenteils aus Schenkungen der Ottonen an das Stift in Form von Reliquaren zusammensetzt. Zu den Goldschmiedearbeiten, den Schnitzereien aus Elfenbein und der orientalischen Kristallschneidekunst gehören z.B. der Kanaa-Krug (1.Jh.) und ein Reliquienkästen aus ottonischer Zeit. Ein besonderes Highlight stellen die vier Fragmente eines am Ende des 12.Jhs. gefertigten romanischen Knüpfteppiches oder zweier Teppiche von kurz nach 1200 dar. Die Quedlinburger Teppichfragmente sind der älteste erhaltene Knüpfteppich des Abendlandes und zeigen antikisierend und zeitgenössisch höfisch ausgeführte Figurenszenen aus dem allegorisch-enzyklopädischen Lehrgedicht Die Hochzeit des Merkur und der Philologie des Marcianus Capella.

Im Osten des Schlossberges wurde in der Mitte des 19.Jhs. neben dem fachwerkenen Jägerhaus an der Stelle des ehemaligen fürstlichen Gartens und des Propsteigartens ein Terrassengarten mit barocken Putten angelegt. Von dem eleganten und harmonischen kleinen Park aus bietet sich ein herrlicher Panoramablick über die Stadt und das Umland.

 

Wipertikirche, Quedlinburg
Wipertikirche, Quedlinburg

Etwas abseits des Stadtkernes liegt im Tal umflossen von Nebenarmen der Bode die im 9.Jh. gegründete und seit Heinrich I. saalförmige romanische Pfeilerbasilika der Wipertikirche. Sie steht auf dem Areal des früheren sächsisch-ottonischen Königshofes der Pfalz Quitilingaburg, stammt aus der Zeit um 1020 und verfügt über eine romanische Umgangskrypta (die Seitenschiffe werden konzentrisch um das Mittelschiff herum geführt) mit einem von Pfeilern und Säulen mit Pilzkapitellen getragenen Tonnengewölbe.

Wipertifriedhof
Wipertifriedhof mit Grüften, Quedlinburg

Im Jahr 936 wurde auf dem Gelände ein freiweltliches Frauenstift zur Totenmemorie König Heinrichs I. und in den 960er Jahren ein geregelter Kanonikerverband eingerichtet. In der Mitte des 12.Jhs. wandelte man die Kirche in ein Kloster der Prämonstratenser um, nach der Reformation wurde sie bis 1812 als evangelische Pfarrkirche des Westendorfes genutzt.

Der die Kirche umgebene Friedhof besitzt eine doppelte Reihe von Felsengrüften und ermöglicht schöne Ausblicke in das Umland.

 

Münzenberg Quedlinburg
Münzenberg, Quedlinburg

Gegenüber dem Schlossberg erhebt sich der seit dem 5.Jt. v. Chr. besiedelte Münzenberg als ehemaliger Standort eines durch Äbtissin Mathilde (Enkelin Heinrichs I.) und Kaiserin Theophanu (Gattin Ottos II.) im Jahr 986 gegründeten benediktinischen Marienklosters. Es besaß eine romanische Kirche und wurde im deutschen Bauernkrieg größtenteils zerstört. Gegen Ende des 16.Jhs. bauten einfache Leute (ohne Bürgerrecht) ihre kleinen Häuschen in die Klostergebäude hinein.

Heute wird das Bild des Münzenberges von meist zweistöckigen Fachwerkhäusern aus dem 19.Jh. geprägt. Das in der frühen Neuzeit wahrscheinlich sehr belebte Viertel ist mittlerweile ein ruhiger Ort, von dem aus sich ein einzigartiger Blick auf den Stiftsberg bietet.

 

Schlossberg, Quedlinburg
Schlossberg, Quedlinburg

An der Nord- und Westseite des Schlossberges dehnt sich entlang der Straßenzüge Finkenherd und Lange Gasse die historische Kernstadt aus.

am Schlossberg, Quedlinburg
am Schlossberg, Quedlinburg

Den großen Platz direkt unterhalb des Schlosses säumen bunte Fachwerkhäuser wie das in der zweiten Hälfte des 16.Jhs. im niedersächsischen Fachwerkstil errichtete Geburtshaus des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock, ein hohes Patrizierhaus mit Säulenportikus. Das etwas kleinere rechte Nachbarhaus beherbergt die Käsekuchenbäckerei „Vincent“, die mit einer riesigen Auswahl an Käsekuchen von klassisch über Beeren bis hin zu Eierlikör lockt.

Lange Gasse, Quedlinburg
Lange Gasse, Quedlinburg

Über die verwinkelten und von zahlreichen pittoresken Fachwerk-häuschen (oft mit kleinen Läden) gesäumten Gassen rund um den „Finkenherd“ gelangt man nun an dem 1623 entstandenen und einst als Gast- und Kaufmannshof dienenden Eckhaus „Weißer Engel“ (Lange Gasse 33) mit einem steinernen Unter- und einem fachwerkenen Obergeschoss vorbei in die nördlich der Kernstadt gelegene Altstadt.

 

Kirche St. Blasii, Quedlinburg
Kirche St. Blasii, Quedlinburg

Hier stößt man aus Richtung des Schlossberges kommend bald auf die seit dem 10.Jh. existierende und mit einem achteckigen Schiff von 1715 versehene barocke Saalkirche St. Blasii. Die wohl älteste Kirche der Stadt besitzt einen eintürmigen romanischen Westbau mit gotischen Zwillingshelmen sowie eine hölzerne Innenausstattung. Neben der Kirche lädt ein Auktionshaus auf mehreren Stockwerken eines stattlichen Fachwerkhauses zum Stöbern und Entdecken antiquarischer Schätze ein.

Ständerbau Quedlinburg
Ständerbau, Quedlinburg

In der vom Mühlengraben durchflossenen Nachbargasse Word steht ein um 1350/1400 in hoher Ständerbauweise errichtetes Fachwerkhaus (Nr. 3) mit durchgängigen Holzständern von der Grundschwelle bis zum Dach sowie einem Speichergebäude. Der weiß gekalkte rundliche Bau ist eines der ältesten Häuser Quedlinburgs und informiert in einer Ausstellung über die Geschichte des Fachwerks vom 14.Jh. bis 20.Jh..

Adelshof Quedlinburg
Adelshof, Quedlinburg

Neben dem Ständerbau liegt ein an die Stadtmauer heran gebauter vierflügeliger Adelshof (Wordgasse 4) mit dem „Spiegelsturm“ aus dem ersten Drittel des 13.Jhs. und einem Taubenturm im Hof. Der steinerne und fachwerkene Gebäudekomplex wurde unter dem Quedlinburger Schutzvogt Graf Hoyer II. von Falkenstein angelegt und ab der zweiten Hälfte des 16.Jhs. umgebaut.

Marktplatz mit Lohgerberhaus, Quedlinburg
Marktplatz mit Lohgerberhaus, Quedlinburg

Das Zentrum der Altstadt bildet der an der Kreuzung von zwei Handelswegen gelegene und von Fachwerk- und Steingebäuden aus dem 16.Jh. bis 18.Jh. umschlossene Marktplatz als lebendiger Mittelpunkt der um 1000 entstandenen Kaufmannssiedlung. An seiner Westseite ragt unter anderem das um 1660 aus Fachwerk erbaute frühbarocke Lohgerberhaus (Markt 14) mit Pyramidenbalkenköpfen, Krüppelwalmdach sowie einem traufständigen dreistöckigen Flügel mit Formen der Spätrenaissance empor. Das imposante Gebäude wurde ab 1763 durch die Gilde der Lohgerber als Versammlungshaus genutzt. An das Lohgerberhaus grenzt ein rötliches, 1668 als Kaufmannshaus erbautes vierstöckiges Fachwerkhaus (Markt 13) im Quedlinburger Stil mit Pyramidenbalkenköpfen, Schiffskehlen und profilierten Füllhölzern sowie einem Zwerchhaus an.

Marktplatz mit Haus "Grünhagen" und Rathaus, Quedlinburg
Marktplatz mit Haus "Grünhagen" und Rathaus, Quedlinburg

Auf der Ostseite des Marktplatzes sind das barock umgestaltete, beige verputzte Bürgerhaus Grünhagen (Markt 2) von 1701 und das Hotel „Zum Bär“ (1748) erwähnenswert. Die Nordseite des Platzes wird von dem 1310 erstmals genannten und im 17.Jh. im Renaissancestil veränderten gotischen Rathaus (Markt 1) eingenommen, dessen Marktseite dicht mit Weinlaub und Efeu berankt ist. Der werksteinerne und grau verputzte zweigeschossige Bau verfügt über ein steiles Satteldach, einen von einem Zeltdach bekrönten Archivturm und Seitenflügel aus der Zeit um 1900.

Rathaus und Hoken, Quedlinburg
Rathaus und Hoken, Quedlinburg

In der Mitte des 19.Jhs. wurde neben der zum säulengerahmten Portal führenden Freitreppe der mittelalterliche Roland (ein Symbol für die städtische Selbstverwaltung und Marktgerechtigkeit) wieder aufgestellt. Die untere Etage des Rathauses war früher ein zweischiffiger und flach gedeckter Raum. Im oberen Geschoss erstreckt sich der repräsentative Bürgersaal und im östlichen Gebäudeflügel ist der von einer hölzernen Tonnendecke überspannte Sitzungssaal mit Wandbildern zur Geschichte der Stadt im Stil des Historismus untergebracht.

Links neben dem Rathaus verläuft die Marktstraße mit dem aus dem 16.Jh. stammenden Fachwerkhaus Kunsthoken mit einem weit vorkragenden Obergeschoss und Fächerrosetten sowie dem in der Mitte des 16.Jhs. im niedersächsischen Fachwerkstil erbauten Schneemelcher-Haus. Zwischen der Marktstraße und dem Rathaus liegt die schmale Gasse Hoken, deren Häuschen aus den ehemaligen Ständen und Buden der Krämer hervorgegangen sind.

Marktkirchhof und St. Benedikti, Quedlinburg
Marktkirchhof und St. Benedikti, Quedlinburg

Hinter dem Rathaus kann der idyllische Marktkirchhof mit farbig ausgefachten Häusern von der Gotik bis zum 18.Jh. aufwarten. Der Platz wird von der 1233 erstmals erwähnten Marktkirche St. Benedikti beherrscht, einer spätgotischen dreischiffigen Hallenkirche mit einem romanischen Westwerk.

Hölle, Quedlinburg
Hölle, Quedlinburg

Rechts des Rathauses und hinter der Ostseite des Marktes lädt das Gewinkel aus Schuhhof, Stieg, Hölle und Pölle, ursprünglich ein morastiges Gebiet, zum Eintauchen ins späte Mittelalter ein. Hier säumen teilweise schiefe und geduckte Fachwerkbauten enge kopfsteingepflasterte Gassen und vermitteln einen Eindruck vom früheren Quedlinburg.

Pölle, Quedlinburg
Pölle, Quedlinburg

Das einstige Gildehaus der Schuhmacher und Gerber gewährt Zugang zu dem steinernen und fachwerkenen Gebäudekomplex des auf das 13.Jh. zurückgehenden Handwerkerviertels Schuhhof. Das zweistöckige und mit Sandstein verkleidete Gebäude Hölle Nr. 11 ist das älteste Haus der Stadt mit einem Kern aus dem 13.Jh.. Interessant ist auch das ab der Mitte des 16.Jhs. entstandene und mit einem Erker versehene fachwerkene Eckhaus „Alter Klopstock“ (Stieg 28/29).

"Hagensches Freihaus", Quedlinburg
"Hagensches Freihaus", Quedlinburg

Vom Marktplatz aus führt die Breite Straße Richtung Nordosten. An ihr stehen zahlreiche sehenswerte Gebäude. Den Anfang bildet ein weit vorkragendes Fachwerkhaus (Nr. 53) von 1560 im frühen Renaissancestil mit einer reich mit Schnitzwerk und Malereien verzierten Fassade sowie einem Zwerchgiebel mit Ladeluke. Das Haus war lange Zeit im Besitz angesehener Quedlinburger Apothekerfamilien. Das zweistöckige fachwerkene Schuhmachergildehaus (Nr. 51-52) aus den 1550er Jahren besitzt ebenfalls ein vorkragendes Obergeschoss und ein Zwerchhaus. Das dreistöckige und im Renaissancestil gehaltene ehemalige Kaufmannshaus „Gildehaus zur Rose“ (Nr. 39) von 1612 besticht mit seinem vorkragenden Obergeschoss sowie reich geschnitzten Brüstungsplatten und Blendarkaden. Schließlich sind in der Breiten Straße noch das dreistöckige Fachwerkhaus Handelshof (Nr. 34) von 1660 im Stil des Barock, ein spätgotisches Fachwerkgebäude (Nr. 33) aus dem späten 15.Jh. mit einem Unterbau aus sandsteinernen Quadern und ein schmales mittelalterliches Fachwerkhaus (Nr. 12/13) von 1330 mit einem massiven Erdgeschoss und Fachwerk-Obergeschossen zu nennen.

Am von der Breiten Straße abzweigenden Kornmarkt erstreckt sich das durch den Ratskämmerer Salfeld erbaute sandsteinerne Stadtpalais Salfeld (Nr. 5/6) von 1737, das als Sitz des Stiftshauptmannes und später als Amtsgericht diente. An den großen Bau schließen sich das 1690 errichtete Fachwerkhaus der ehemaligen Ratswaage (Nr. 7) und das Gebäude der Ratsapotheke (Nr. 8) mit dem wohl ersten Verwaltungssitz der Marktsiedlung als Kern an.

Am Übergang von der Altstadt zur Neustadt erbaute Erbsass Christoph von Hagen in den 1560er Jahren ein sandsteinernes Stadtschloss im Stil der Renaissance. Das „Hagensche Freihaus“ (Bockstraße 6/Klink 11) verfügt über Volutengiebel und Zwerchhäuser sowie einen runden Eckturm mit welscher Haube und einen Treppenturm im Hofbereich. Das Schloss war ab 1633 die Residenz des Stiftshauptmannes und beherbergt heute ein Hotel.

Turm in der Westmauer der Altstadt, Quedlinburg
Turm in der Westmauer der Altstadt, Quedlinburg

Im Westen und Süden der Altstadt sowie im Osten der Neustadt sind einige Türme und Mauerzüge der früheren Stadtmauer erhalten, von denen der einst als Wehrturm und Gefängnis fungierende Schreckens-Turm mit seinem bekrönenden achteckigen und von Ecktürmchen flankierten Spitzhelm der imposanteste ist. Weitere, sich jedoch in einem eher schlechten baulichen Zustand befindliche Türme sind in der Westmauer der Altstadt der Kruschitzkyturm, Pulverturm und Hohe Turm sowie an der Südmauer der Spiegelturm.

Den nördlichen Abschluss der Altstadt stellt die aus dem 13.Jh. stammende spätgotische und barocke Kirche St. Aegidii dar. 1179 zum ersten Mal erwähnt, ist die dreischiffige und sattelgedeckte Hallenkirche mit einem einzelnen Turm die älteste Stadtkirche Quedlinburgs. In ihrer Nachbarschaft sind in der Schmalen Straße ein um 1485 im spätgotischen Stil erbautes Fachkwerkhaus (Nr. 47) und ein an der nördlichen Stadtmauer um 1740 entstandenes Fachwerkhaus im Barockstil (Nr. 33) einen Blick wert.

 

Neustädter Marktplatz mit Kirche St. Nikolai, Quedlinburg
Neustädter Marktplatz mit Kirche St. Nikolai, Quedlinburg

Am „Hagenschen Freihaus“ vorbei dem Steinweg folgend erreicht man die sich östlich der Altstadt ausdehnende Neustadt mit den ehemaligen Anwesen der Ackerbürger.

Das Zentrum bildet der Neustädter Marktplatz mit dem Mathildenbrunnen und dem gelb gefachten Gasthaus „Zur Goldenen Sonne“ an der Nordseite. In der Nähe des Marktplatzes ragt die im Quedlinburger Sonderstil gehaltene barockzeitliche „Börse“ (Steinweg 23) aus den 1680er Jahren auf. Sie ist rot ausgefacht und besitzt Pyramidenbalkenköpfe, weit vorspringende Kopfbänder, Dachaufbauten sowie ein Zwerchhaus über dem Kastenerker an der Straßenseite. Hinter dem Neustädter Marktplatz sind die Zwillingstürme der 1222 erstmals genannten gotischen Hallenkirche St. Nikolai zu sehen, deren Inneres im Barockstil eingerichtet ist.

Turm in der Ostmauer der Neustadt, Quedlinburg
Turm in der Ostmauer der Neustadt, Quedlinburg

An der östlichen Stadtmauer der Neustadt haben sich die Wachtürme Schweinehirtenturm, Gänsehirtenturm und Kuhhirtenturm erhalten.

Auch heute noch wirkt die Neustadt ein Stück weit ländlicher und ruhiger als die durch regen Handel und Marktstände bzw. Lokale und Geschäfte geprägte Altstadt.

 

 

Quedlinburg beeindruckt auf einem Großteil seines Stadtgebietes mit einer enormen Fülle an Fachwerkhäusern vom späten Mittelalter bis in die späte Neuzeit, von der Gotik bis zum Klassizismus. Dicht an dicht säumen kleinere und stattlichere Holz- und Steinbauten aus mehreren Jahrhunderten die überwiegend schmalen kopfsteingepflasterten Gassen und erzeugen eine einzigartige Atmosphäre vergangener Zeiten.

Rund um den hoch aufragenden Stiftsberg ist die glanzvolle Herrschaft der ottonischen und salischen Könige und Kaiser sowie Reichs-Äbtissinnen noch gegenwärtig und in den verwinkelten Ecken der Altstadt scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Neben bedeutsamen Plätzen der deutschen Geschichte laden Cafés und Restaurants während des überaus lohnenswerten Stadtspazierganges zum Verweilen ein und zahlreiche kleine Läden locken mit Kunsthandwerk und harztypischen Souvenirs.


Buchtipp

 

Geschichte

  • Kompakt, informativ und unterhaltsam erzählt – die „Kleine Stadtgeschichte Quedlinburg“ aus dem Verlag Friedrich Pustet bietet einen auf das Wesentliche konzentrierten, durchgehend bebilderten Überblick über die Geschichte sowie politische, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte der Stadt Quedlinburg. Mit Infokästen zu Persönlichkeiten, historischen Gebäuden und Hintergründen, anschaulichem Stadtplan und übersichtlichem Register. ISBN 978-3-7917-2605-2